Gemeinsam Zukunft produzieren. Industriestrategie Österreich 2035
Österreich befindet sich nach einer Phase der Rezession nun wieder in einer Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs. Aufgabe und Anspruch der Bundesregierung ist es, diesen Aufschwung weiter anzukurbeln. Von zentraler Bedeutung für unseren Wirtschaftsstandort ist die Industrie, sie hat eine lange Tradition und unsere wettbewerbsfähigen und hochinnovativen Unternehmen sind ein Garant für Jobs und unseren Wohlstand. Gleichzeitig sieht sich die Industrie mit einer schwindenden Wettbewerbsfähigkeit, geopolitischen Verwerfungen und einer hohen Dynamik der technologischen Transformation konfrontiert.
Erstmals gibt die österreichische Bundesregierung daher mit einer Industriestrategie eine klare Weichenstellung und strategische Richtung vor. Damit bekennen wir uns zu einem starken Produktionsstandort Österreich und unmissverständlich zur heimischen Industrie.
Nach einem halben Jahr kann sich der Umsetzungsstatus sehen lassen. Diese Strategie ist vor allem ein Umsetzungsprogramm.
Fast sechs Monate nach dem Start, ziehen wir ein erstes Mal Bilanz. Mehr als 35 Prozent der 117 Maßnahmen sind bereits umgesetzt oder konkret in Umsetzung. Wir setzen um, was wir versprochen haben.
Stoppen wir die Deindustrialisierung und starten wir eine Neu-Industrialisierung Österreichs.
Ziel der Industriestrategie ist langfristiges Wachstum sowie die Sicherung und Wiedererlangung von wirtschaftlicher und technologischer Kompetenz durch die erstmalige Definition von Schlüsseltechnologien, die Entwicklung von strategischen Technologien von der Forschung bis zur Marktreife sowie verbesserte Anreize für industrielle Ansiedelungen und Innovationen über die Legislaturperiode hinaus.
Wir wollen die Stärken der österreichischen Industrie stärken und Chancen nutzen, sowie optimale Rahmenbedingungen für Forschung, Entwicklung, Innovation, Produktion und Export schaffen. Die Industriestrategie ist das Ergebnis eines breit angelegten Prozesses, den ich gemeinsam mit meinen Regierungskollegen Peter Hanke und Sepp Schellhorn federführend begleiten durfte. Insgesamt wurden 117 Maßnahmen in sieben Handlungsfeldern erarbeitet, um Innovation zu fördern, Resilienz zu schaffen und die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.
Dr. Wolfgang Hattmannsdorfer
Bundesminister
Download der Industriestrategie Österreich 2035
Unsere Vision: Österreich unter die TOP-10 bringen.
Bis 2035 zählen wir zu den zehn wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Welt.
Die sechs Ziele der Industriestrategie
- Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit
- Weiterentwicklung wirtschaftlicher Souveränität in und mit Europa
- Erhöhung der Leistungsfähigkeit und Innovationskraft
- Ausbau wirtschaftlicher Resilienz
- Stärkung nachhaltiger und zirkulärer Produktion
- Entwicklung des Fachkräftepotenzials
Jedes Ziel ist mit einer bzw. mehreren konkreten Leistungskennzahlen zur Messung und zum aktiven Monitoring versehen. Zentrale Kennzahl zur Erfolgsmessung ist der Industrieproduktionsindex, mit dem der Produktions-Output unserer Industrie gemessen wird. Unser Ziel ist, den Output der Industrieproduktion zu steigern und so unter die Top-10 der OECD zu kommen. Zusätzlich ist es unser Ziel, den Wertschöpfungsanteil der Industrie, gemessen an der gesamten Wirtschaftsleistung, auf 20 Prozent zu steigern (2024: 16,9 Prozent).
Schlüsseltechnologie-Offensive als Herzstück der Industriestrategie
Wir definieren erstmals 9 Schlüsseltechnologien und Stärkefelder. Für gezielte Investitionen in diese Technologien wird ein Förderbudget im FTI-Pakt bis 2029 von rund 2,6 Milliarden Euro bereitgestellt.
Innovation, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit im Fokus
Die Industriestrategie umfasst ein Bündel von 117 leistungsstarken Maßnahmen in sieben Handlungsfeldern. Diese stehen stellvertretend für ein ambitioniertes, industriepolitisches Programm der nächsten Jahre. In der Folge finden sich ausgewählte Maßnahmen:
Innovation fördern
- Schlüsseltechnologie-Offensive & FTI-Maßnahmen – 2,6 Mrd. Euro
- Neuausrichtung der Programmportfolios von FFG & aws im Zuge des FTI-Pakts 2027-2029 anhand der definierten Schlüsseltechnologien
- Neuausrichtung der Christian Doppler-Gesellschaft durch Fokus auf den Transfer von Wissen und Fachkräften im Schlüsseltechnologiebereich von der Wissenschaft in die Industrie
- Weiterentwicklung der Austrian Business Agency, bspw. Neuausrichtung der Invest in Austria und Ausweitung des Standortmarketings auf Wachstumsmärkte und aktive Fachkräfteanwerbung
- Stärkerer Fokus auf Verwertung bei COMET-Zentren und Neuausrichtung von COMET-Modulen auf Schlüsseltechnologien
- Aufbau von Unternehmensökosystemen an Universitäten durch die Verankerung von Technologietransfer- & Spin-off-Maßnahmen sowie Entrepreneurship Education
- Neues FFG-Flagship Programm zum Aufbau von Forschungsökosystemen rund um Leitbetriebe
- Regulatory Sandboxes: gesetzliche Rahmenbedingungen für Experimentierräume als innovative Testumgebung für Schlüsseltechnologien
Resilienz schaffen
Patriotisches Vergaberecht & Förderpolitik – Leitprinzip "Made in Europe & Partner Countries"
- Klares Bekenntnis zur nationalen und europäischen Wertschöpfung bei öffentlichen Beschaffungen durch einen von der Bundesregierung festgelegten Aktionsplan "Strategische Öffentliche Beschaffung"
- Gesetzliche Verankerung des Leitprinzips "Made in Europe & Partner Countries" und Stärkung des qualitativen Bestbieterprinzips im Vergaberecht
- Die Einführung der Möglichkeit für europäischen Mindestwertschöpfungsanteil (local content) in der EU-Vergabe-Richtlinie vorantreiben
- Ausrichtung des Fördersystems vorrangig auf europäische und heimische Produkte (Best Practice: "Made-in-Europe-Bonus" beim EAG-Investitionszuschuss)
Defense Sektor
- Reform der Exportkontrolle durch eine gesamthafte Überarbeitung und Vereinheitlichung des Außenwirtschaftsgesetzes mit dem Ziel, Prüf- und Bewilligungsprozesse zu optimieren und beschleunigen.
- Zur Stärkung der Innovationskraft der Sicherheitsindustrie wird ein neues Security Innovation Ecosystem aufgebaut
Digitale Souveränität
- Etablierung digitaler Souveränität als Kriterium im Förder- & Beschaffungswesen – um Abhängigkeit bei Soft- & Hardware-Lösungen aus Drittstaaten sukzessive zu reduzieren
- Bestehende Förderungen im Bereich Digitalisierung werden nach dem Vorbild "Made in Europe-Bonus" in Bezug auf digitale Souveränität weiterentwickelt
- Aufbau einer österreichischen Rechenzentrumsinfrastruktur
- Kennzeichnung von Rechenzentren gemäß European Cloud Certificate Scheme zur Schaffung von Transparenz für heimische Unternehmen
- Auftrag an Bundesbeteiligungen zur Verwendung von Europäischen Cloud-Lösungen
Investitionskontrollgesetz
- Umfassende Rechtsgrundlage, um ausländische Übernahmen oder Beteiligungen an österreichischen Unternehmen allenfalls zu untersagen
- Anpassung des Investitionskontrollgesetzes in Hinblick auf besonders sensible Branchen und kritische Infrastruktur sowie europäischen Informationsaustausch
Sicherung strategischer Rohstoffe
- Nutzung heimischer und europäischer Primärressourcen
- Aufbau von digitalen Ressourcenplattformen für den Handel von Sekundärrohstoffen
- Entwicklung nachhaltiger Materialinnovationen durch Forschung zur Substitution kritischer und potenziell problematischer Rohstoffe
- Aufbau alternativer Beschaffungsquellen und strategischer Partnerschaften für kritische Rohstoffe
Wettbewerbsfähigkeit stärken
Sicherung wettbewerbsfähiger Energiepreise
- Einführung eines Industriestrompreises ab 2027 und Verlängerung des Industriestrombonus (SAG) bis 2029
- Aufhebung des CO2-Speicher-Verbots (CCS) sowie Nutzung von CO2 als Rohstoff (CCU)
- Modernisierung und Leistungsstärkung des Österr. Netzinfrastruktur Plans (ÖNIP): Dämpfung der Netzkostensteigerung, Ausbau von Speicherkapazitäten
- Umsetzung einer Kraftwerksstrategie sowie Potenzialanalyse für Wasserkraft und Pumpspeicherkraftwerke
- Fokus Wasserstoff – Aufbau eines Wasserstoffstartnetzes
Reform der Rot-Weiß-Rot-Karte und Qualifizierungsoffensive für Fachkräfte
- Volldigitalisierung des Antrags- & Bearbeitungsprozesses
- Einführung eines Pilotprojekts "Rot-Weiß-Rot-Karte" für volljährige Lehrlinge und Vereinfachung für für Selbständige & Startup Gründer
- Erleichterter Zugang für Studierende aus Drittstaaten, welche an einer österreichischen Hochschule graduieren sowie Forschende
- Öffnung der RWR-Karte für Arbeitskräfteüberlasser
- Zeitliche Ausweitung des Job-Seeker Visums bis das Erstverfahren abgeschlossen ist
Weiterentwicklung der Garantien als budgetschonendes Instrument
Über 35 Prozent der Maßnahmen sind umgesetzt und in Umsetzung
Ausblick 2. Jahreshälfte 2026:
Für das zweite Halbjahr 2026 sind folgende Schritte geplant:
- [Maßnahme 23] Mit dem Industriestrompreis und dem Standortabsicherungsgesetz senken wir mit 750 Millionen Euro aus diesem Budget die Stromkosten für mehr als 500 energieintensive Betriebe, für die hohe Energiepreise heute eine schwere Last sind.
- [Maßnahmen 101] Mit der Entbürokratisierung im Gewerbe- und Anlagenrecht machen wir Genehmigungen für Betriebe einfacher, schneller und übersichtlicher, damit Unternehmen rascher bauen, erweitern und investieren können.
- [Maßnahmen 74 und 111] Mit "Made in Europe" im Vergabe- und Förderwesen sorgen wir bis Ende 2026 dafür, dass öffentliche Aufträge und Förderungen stärker auf Qualität, Innovation und europäische Wertschöpfung ausgerichtet werden. Das heutige Schlüsseltechnologie-Standortpaket trägt diesem Gedanken bereits Rechnung und wird den Aufbau heimischer Produktions- & Innovationskapazitäten weiter forcieren.
- [Maßnahme 108] Mit dem Scaleup-Fonds stellt der Bund bis zu 100 Millionen Euro als Ankerinvestment bereit und bündelt zusätzlich privates Kapital, damit wachsende Unternehmen leichter an Wachstumskapital kommen und in Österreich skalieren, anstatt ins Ausland abzuwandern.
- [Maßnahme 91] Mit dem neuen Außenwirtschaftsgesetz modernisieren wir die Exportkontrolle, beschleunigen Verfahren und geben unseren Betrieben mehr Rechtssicherheit bei Geschäften im Ausland.
- [Maßnahme 52] Mit dem Versorgungssicherungsgesetz erweitern wir unsere Möglichkeiten bei der strategischen Vorbereitung und zur Stärkung der Resilienz für Krisenfälle.
- [Maßnahme 115] Mit dem neuen ERP-Fonds-Gesetz sichern wir den ERP-Fonds langfristig als zentrales Kreditinstrument für Österreichs Industrie ab und ermöglichen eine Ausweitung des Angebots zinsgünstiger Kredite für Unternehmen aller Größen.
Messbare Ziele und konkreter Plan
Das Monitoring der Industriestrategie 2035 erfolgt entlang der sechs definierten strategischen Ziele und auf Basis ausgewählter Leistungskennzahlen, welche einem fortlaufenden Review-Prozess unterliegen.
- Der Produktivitätsrat wird seinen jährlichen Produktivitätsbericht um ein Wettbewerbsfähigkeitsradar erweitern, die Fortschritte messen sowie allfällige Empfehlungen abgeben.
- Eine neue Task Force Industrie (BMWET, BMIMI, BMEIA, Sozialpartner, Industriellenvereinigung, Experten) bewertet die jährlichen Ergebnisse.
- Darauf aufbauend legt die Bundesregierung jährlich einen Bericht zur Umsetzung der Industriestrategie vor.
- Alle drei Jahre erfolgt eine externe wissenschaftliche Evaluierung der Industriestrategie.
Partizipativer Prozess stellt Industriestrategie auf fundierte und breite Basis
Die Industriestrategie wurde in einem breiten, partizipativen Stakeholder-Prozess unter der Leitung der Plattform Industrie 4.0 erarbeitet. Aktiv eingebunden waren die Sozialpartner, die Industriellenvereinigung (IV), zahlreiche Agenturen (Austria Business Agency (ABA), Austrian Institute of Technology (AIT), Austria Wirtschaftsservice (aws), Christian Doppler Forschungsgesellschaft (CDG), Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) & die Standortagenturen der Bundesländer), Vertreterinnen und Vertreter der Wissenschaft sowie viele Fachexpertinnen und -experten.
"Sounding Boards" ermöglichten es, unterschiedlichste Perspektiven und Interessen (Unternehmen, Beschäftigte, Wissenschaft) zu reflektieren und zu verarbeiten. Darüber hinaus wurden wissenschaftliche Studien und Analysen berücksichtigt. Das Ergebnis der Strategie wurde mit anerkannten Wirtschaftsexperten diskutiert.